van Sull S.J.: Biografie Leonardus Lessius

Auszug aus: K. van Sull S.J.: Leonardus Lessius. Wetteren, 1923
© Copyright der Übersetzung: Norbert Krüger

Manch einer im Kempenland will gern zu Lessius‘ Verwandtschaft gehören. Tatsächlich wurde der ursprüngliche Name dieses Dieners Gottes noch von vielen Familien geführt. Der Name ist eigentlich Leys: Jeder weiß, dass es zu jener Zeit üblich war, den Namen – egal ob Student oder Gelehrter – ins Lateinische zu übersetzen. Oder, wenn die Namen kein lateinisches Äquivalent besaßen, ihm zumindest eine latinisierte Form zu geben, um ihn sozusagen in einen lateinischen Mantel zu hüllen. In unserer Geschichte finden wir so Custos (Custers), Jansenius (Janssens), Agricola (Ackermans), Gravius (De Grave), Mudaeus (Der Muyden). So wurde auch Leys in Lessius verändert.

Vater und Mutter Leys waren christliche und vornehme Landwirte, zwar nicht reich, aber auch nicht unbemittelt. Sie hatten ihren Anteil am allgemeinen Wohlstand, der – dank der friedliebenden und weisen Regierung Kaiser Karls – zu jenem Zeitpunkt unsere vaterländische Geschichte kennzeichnete. Sie bezogen „ein Stadthaus … stehend und gelegen am Logenberg“.

Dabei genoss Vater Leys die allgemeine Achtung seiner Mitbürger und das Vertrauen der Herren von Brecht, denn in den vier letzten Jahren seines Lebens hatte er das Amt des Schöffen in der Region bekleidet.

1543, im Alter von 33 Jahren, heiratete er Maria Aerts, Tochter von Jan Aerts, alias Der Kynderen, höchstwahrscheinlich beim Stadtrat zu Brecht. Ihre Mutter war Maria Leest, ihr Großvater mütterlicherseits Jan Leest, der Küster der Mutterkirche war.

Drei Töchter, Leene (Magdalena), Lijne (Kathelijne) und Elisabeth erfreuten bereits das Heim, als am 1. Oktober 1554 das glückliche Ehepaar mit der Geburt eines Sohnes seine Wünsche am Ziel sah.

Bei seiner Taufe bekam das Kind, das später seinem Familiennamen zu solchem Ruhm verhelfen sollte, den Vornamen Leonardus. Seine Mutter jedenfalls teilte die Frömmigkeit aller Brechtenarer gegenüber dem heiligen Bekenner Lennaerts, der von den Pilgern in der benachbarten Kapelle gut besucht wurde, und der auch Schutzheiliger von Vater und Großvater Leys war. Letzterer, ein Küfer, war einige Jahre zuvor, am 24. April 1545, verstorben.

Gesegnet mit Kindern und Arbeit konnte diese Familie sich glücklich schätzen. Doch sie erfuhren bald, dass Menschenglück brüchiger ist als Glas und das raue Zeiten oft auf die frohen folgen. Schon vor der Zeit sollte sie auseinander geschlagen werden. Ehe der kleine Lenaart sein fünftes Jahr vollendet hat, starb sein Vater im Juni 1559. Großmutter Leys, Elisabeth Wyns, war ihrem Sohn ein Jahr zuvor ins Grab vorausgegangen.

Der Witwe, mit der Erziehung von vier Kindern und der Führung des Gehöfts überfordert, meinte bereits ein Jahr später Adriaan Putkuyps heiraten zu müssen. Aber kurz nach ihrer Hochzeit wurde sie schwerkrank. Wir haben nicht herausfinden können, welcher Art ihre Qualen waren. Im den Nota der Vormundschaft, in denen selbst die kleinsten Ausgaben gewissenhaft notiert sind, fand sich keine Erwähnung von Arzt oder Arznei.

Wir erfahren nur, dass während der Krankheit und nahe dem Tod „Mariken Simons einen Monat und drei Tage im Sterbehaus gewesen ist“ und dass ihr für ihre Mühe neun Stüber bezahlt wurden. An „Gumaer Van den Venne vom Weine in Marikens Krankenbett geholt“ bezahlte man 3 ½ Stüber. Ein anderer Eintrag gibt uns einen Einblick in die religiösen Gefühle der Nachbarschaft: „lijnken om sint Wilbort (te Overbroeck onder Brecht) te gaen, gegeven: 1 Ort. – Jan Steenbackers van `t Santvliet voor Mariken bevaert te gane Metten offerpenninck gegeven: 4 stuiver 1 ort. – Jannen neel driesz(oon) van een bedevaert te gane tot sinte reynoffels voor marien gegeven: 18 stuiver, den offer 1 blanck.“ Nach Brüssel sandte man eine Opfergabe von ½ Stüber zu Ehren des Heiligen Sakraments vom Wunder.

Sorgen und Gebete führten jedoch nicht zur Genesung der Mutter, und nicht ein Jahr nach ihrer erneuten Vermählung musste Maria Mann und Kinder zurücklassen. In den Rechnungen stehen kurz hintereinander zwei Posten, die das Wechselhafte des Lebens und das Unsichere des Menschen Glücks schmerzlich ans Licht bringen: „Pellen Diels Witwe, für ihre Hilfe in Maries Brautzeit, vier Tage, bisher ein Blanck bezahlt, zusammen 3 Stüber, 3 Blanck“, und darunter: „Thijsen Berchmans van de dootschrijne, 10 Stuiver“.

Mutter Leys wurde dem Brauch folgenden in der Kirche selbst begraben. Oberhalb des Grabs wurde die Totenbahre aufgestellt und dreißig aufeinanderfolgende Tage kam einer der Kaplane von Brecht, der Ehrwürdige Herr Wouter van Suetendael, zur Bahre und sang das Libera. Das hieß „ein Dreißigstes aufs Grab gehn“. Als Ehrenlohn erhielt der Priester 18 Stüber. Für das Wachslicht und das Läuten bezahlte man 5 Karolusgulden und 6 Stüber: „in den choor van de uytvaert gedeylt metten graven, gegeven: 19 ½ stuiver.“

Nach der Ausfahrt wurde Familie und Bekannten im Sterbehaus ein Gastmahl angedient, von dem wir die Speisekarte mit den Unterlagen der Vogteirechnung wiedergeben können: „Fünfzehn Pfund Eintopf auf der Ausfahrt und ein halber Becher Salz, um das Ferkel damit zu salzen, zusammen bezahlt: 18 st. – van den vercken aff te doen, gegeven: 1 st. – van den Impost van den vercken, betaelt: 2 st. – Pauwel Aerts vante dienen: 2 st. Cornelis bertels van backen op duytvaert, gegeven: 5 st.“

Tafeldiener und Bäcker waren reich bezahlt im Vergleich mit der Köchin Marieken Simons, die für dreiunddreißig Tage Dienst gerade neun Stüber erhielt, und mit Arbeitern, die für acht Tage „dorschen“ (?) nicht mehr als einen Stüber pro Tag ausbezahlt bekamen.

Im Vergleich zu heute wurde möglicherweise mehr Prunk als nötig an den Tag gelegt. Doch wie oft geraten die Hinterbliebenen ins Vergessen, kaum das die Leichenfeier beendet ist.

Marieke Aerts wird nicht vergessen. Jeden Sonntag wird sie auf der Kanzel den Gebeten der Gläubigen anbefohlen: „Dem Pastor gegeben, um Mariken ins Sonntagsgebet aufzunehmen: 1 st.“. Die Jahreszeit beider Eheleute, so rasch aufeinander von der Welt geschieden, wird ebenfalls auf christliche Weise gefeiert: „op lenaert leys en marien jaergetijde den prochiaen en den kinderen tot offergelde tsamen gegeven: 3 st. 1. ort.“

Den jungen Mündeln drückte man es aufs Herz, dass sie für das Seelenheil ihrer zu früh entschlafenen Eltern beten und gute Werke tun sollten. Auch dafür liefert uns die Vogteirechnung einen Beweis: „leene gegeven om voir hoir ouders om Godswille te geven: 2 st.“ Die braven Leute hatten das Gut dafür: Gebet, Messopfer, Almosen an die Armen, damit sind wir unseren Verstorbenen hilfreicher als mit Blumen und Kränzen und prächtigen Grabsteinen, von denen sie doch nichts haben. „Solatia vivorum, non subsidia mortuorum“, sagt nicht ohne Grund der Hl. Augustinus. All der Prunk gereicht den Lebenden zum Trost, nutzt aber den Verstorbenen nichts.

Im Sterbehaus fand man „in gereede gelde“ 50 lb. br. 18 Karolusgulden, 44 Stüber. Der Hausrat wurde öffentlich zum Verkauf geboten, die Auktion brachte die Summe von 14 Karolus, 10 ½ st.

Nun musste über das Los der vier zurückgelassenen Kinder entschieden werden. Arme kleine Waisen! Sie haben den heilsamen Einfluss der Mutter nicht lange genießen können. Vor allem nicht Lenaart, weil er der Letztgeborene war. Gleichwohl war es der braven Frau in der kurzen Zeit gelungen, das junge Gemüt ihres kleinen Sohnes bereits mit der zarten und ernsthaften Gottesfurcht zu durchdringen, die später aus den Schriften des Gelehrten strahlen soll. Auf Mutters Schoß, heißt es, wird der Mann herangezogen. Dies galt für den religiösen Geist von Lessius, der die unendliche Vollkommenheit des höchsten Wesens so tief begreifen und so elegant beschreiben sollte.

Bevor wir von ihr Abschied nehmen, sagen wir der schlichten und christlichen Mutter von Herzen Dank.

Die Vormunde oder Momboirs (gesetzliche Anwälte) wurden unter den Blutverwandten gewählt. Es waren der Bruder des Vaters, Huibrecht Leys, Küfer und Küster der Kapelle St. Lennaarts, und Hendrik Leest, Notar und Küster in Brecht, Großonkel der Kinder mütterlicherseits.

Lijnken und Betken wurden bei Gosen Thielen in Pflege gegeben, der nach dem Tod von Jan Aerts dessen Witwe, Maria Leest, heiratete. Sie waren dadurch bei ihrer Großmutter.

Lenaart und Leene, die älteste, fanden ein Unterkommen bei ihrem Onkel, Huibrecht Leys, dem für den Unterhalt der Kinder ein jährliches Kostgeld von 20 Karolus zugesagt wurde. Später, nachdem Leene das Haus verließ, um zu heiraten, wurden die „Mundkosten“ von Lenaart auf 14 Karolus im Jahr angeführt. Fortan sollte der Junge zu St.-Lenaarts wohnen.

Dort brachte er seine Kinderjahre zu, bis er nach Löwen umzog. Dort verbrachte er als Student seine Ferien. Und dorthin zog es ihn wahrscheinlich auch, wenn es ihm nach seinem Eintritt ins Kloster vergönnt war, nach seinem Geburtsort zurückzukehren.

Zwar lebten die Kinder nun nicht mehr unter demselben Dach, doch wurden sie einander nicht fremd, wie man vielleicht hätte befürchten können. Wir sehen sie häufig zu viert ausgehen auf Feste, ausgestattet mit genügend Taschengeld, um sich zu vergnügen. Bruder und Schwestern erwiesen ihre gegenseitige Verbundenheit. Bald sollen wir sehen, wie Lenaart seinen Teil an seine drei Schwestern abtritt, und diese werden, nachdem sie geheiratet haben, ihren Kindern Respekt, Zuneigung und Bewunderung für ihren heiligen Bruder einflößen.

Durch einen Sohn von Betken, Jacobus Wijns, wissen wir das Meiste der Besonderheiten, die diese Lebensbeschreibung ausmachen. Das Porträt des Lessius verdanken wir einem Antwerpener Maler, Ferdinand van Abshoven, der mit Leonora, Betkens Tochter, verheiratet war. Ein anderer Neffe oder Großneffe, Leonardus Schoofs, regulärer Kanoniker der Abtei St. Michiels in Antwerpen, wetteiferte mit dem Jesuiten Jacobus Wyns, um die Schriften des verstorbenen Gelehrten zu sammeln und drucken zu lassen.

Die Kinder wurden bei Huibrecht Leys und Gosen Thielen im christlichen Fühlen angeleitet. Ihre Namen sind in Bruderschaften aufgeschrieben. Sie gehen auf Wallfahrt nach Unserer Lieben Frau von Wuestwezel, nach St. Antonius im Weiler Juxeschot und anderswo, und man lehrt sie den Heiligen etwas zu opfern.

„Lijnken om sint Wilbort te gane, gegeven: 1 ort. – Leenken en Lenaerd tot offergelde doen sij tot Wesel omgingen: 3 st. – Lenaerd gegeven tot Vlimmre war voor den offer en een pint biers: ½ st.“

Nachdem der kleine Lenaart zehn Jahre wurde, ging er bei Meister Pauwel De Cock zur Schule. Dort trat er am 1. Oktober 1563 ein, am Messfest zum Hl. Bavo und seinem Geburtstag. Für seinen Eintritt zahlte man 1 Brabandschen. Leenken und Lijnken hatten ihre Schuljahre schon hinter sich, aber Lenaart traf auf der Schule seine Schwester Betken. Denn Meister De Cock unterrichtete Jungen und Mädchen gemeinsam.

Der Meister war kein Fremder für seinen neuen Schüler. Seine Mutter, Anna Leest, war die Schwester von Lenaarts Großmutter, und vermutlich hatte der Lehrer im Rahmen der Familienbeziehungen bereits Gelegenheit gefunden, um die Begabungen des Kindes zu würdigen.

Im Lernen machte der kleine Lennart rasche Fortschritte. Die ersten beiden Lesebücher, die man für die Kinder ankaufte, waren ein Sevenpsalm und eine kurze Passion. Die Psalmen der Bußfertigkeit und das Leiden des Heilands waren daher die erste Geistesnahrung des Knäbleins. Die beiden Bücher hinterließen in seinem ganzen Leben eine bleibende Spur. Immerhin ist seine Vorliebe für die Psalmen Davids bekannt. Er hat ihre wörtliche und sinnbildliche Bedeutung studiert. In seinem Brevier hat er manche Worte unterstrichen, um beim wiederholten Lesen seine Aufmerksamkeit auf ihre Bedeutung zu lenken und diese zu festigen.

Das Büchlein der „kurzen Passion“ machte auf sein kindliches Gemüt ebenfalls mehr als einen flüchtigen Eindruck. Durch das Lesen entstand ohne Zweifel seine zarte Verehrung gegenüber dem bitteren Leiden des Erlösers. Und vielleicht liegt es auch an dieser Lektüre, dass wir in seinem Gesamtwerk das gottesfürchtige Reimgebet „Horologium Passionis“ finden, in dem die Schmerzen des Leidens Christi auf die Stunden des kirchlichen Breviers verteilt sind. Das Museum für Altertümer in Brecht besitzt davon eine flämische Übersetzung mit dem Titel: „Het geestelijk Urwerk van het Lijden ons Heeren, gewoonlijk geweest gelezen te zijn van de E. P. Leonardus Lessius“. Ein Nachdruck der ursprünglichen lateinischen Schrift wurde 1881 durch den Herzog von Alençon finanziert. 1866 erschien in Brüssel eine französische Übersetzung in der Sammlung „Petite Bibliothèque Chrétienne“.

Eine andere Folge dieser gottesfürchtigen Lesung war des Knäbleins Wunsch nach Bußfertigkeit. Noch so jung, hat unser kleiner Lenaart begriffen, dass wahre Frömmigkeit sich nicht durch bloße Gefühle verfestigt, sondern in Taten übergeht. So sah man ihn allerlei Bußübungen vollziehen, ja, sich einem strengen Fasten unterwerfen.

Sobald das Kind lesen und rechnen konnte, meinte der Voogt, dass es damit genug Gelehrsamkeit besaß, um seinen Weg durch das Leben zu finden. Und da die Eltern ihren vier Kindern nur zwei Bauernhöfe nebst etlichen Renten hinterlassen hatten, schien es ratsam, die fünfzehn Stüber Schulgeld, die man jährlich bei Meister De Cock bezahlte, zu sparen. Lenaart sollte also nicht mehr länger zur Schule gehen, sondern sofort das Küferhandwerk erlernen.

Ein harter Schlag für einen wissbegierigen Jungen, der sein Vergnügen nicht im Spiel, sondern in Büchern suchte. Lenaart bettelte und flehte, man möge ihn doch weiter studieren lassen. Sie mussten seit Erbteil bis zum letzten Oort ausgeben, bevor sie ihn von der Schule abhalten konnten. Das Kind fand so passende Worte und Beweggründe, seine Tränchen waren so herzerweichend, dass Huibrecht sich mit der Zeit überreden ließ. Lenaart durfte zurück in die Schule. Mehr noch, er sollte Latein lernen!

Wo lernte der Knabe Latein?

Bereits vor 1535 besaß Brecht eine lateinische Schule, gegründet durch den Brechtenarer Bürger Jan Custos. Dieser hat selbst eine lateinische Sprachlehre herausgegeben, die in vielen Kollegien als Handbuch diente. Dieser „Syntaxis Brechtana“ verdankte der Humanist Justus Lipsius seine ersten Kenntnisse des Lateinischen, als er in Ath studierte. Und nach dieser Sprachlehre stellte Jan van Pauteren (Despautères) seinen „Commentarii grammatici“ zusammen, der lange Zeit in den Kollegien in Frankreich das offizielle Lehrbuch für den humanistischen Studienzweig war.

Aufgrund der Unterlagen würden wir weiterhin behaupten, dass Lessius das Latein in der Schule von Meister Pauwel De Cock lernte. Jedoch wissen wir aus sicherer Quelle, dass die von Custos gegründete Lateinklasse nicht mehr bestand. Ein „Reglement bezüglich der Schule zu Brecht“, datiert „Anno 1564 den 11. März, stilo brabantiae“ (also nach brabantischer Zeitrechnung) verfügt das Folgende: „In is vorward dat de voirz. Schoelmr zal gehouden zyn te houden een ondermester, vast verstaen in zijn gramatiken ende zynen simpelen sanck, ende de jongere alle Dagen te doene vr lessen A B C voir noen ende A B C nae noen, nae den ouden ordinere…“

In diesem Schulprogramm ist von Latein keine Rede.

Sicher ist gleichwohl, dass unser Lenaart vor Ort Latein lernte. Das folgt aus dem Schreiben von Pater Bauters, der Rektor war am Jesuitenkolleg in Löwen, als Lessius dort im Jahr 1623 verstarb, und der unter den Augen von Jacobus Wyns, Lessius‘ Neffen, schrieb. Er sagt, dass der Verstorbene in seiner Gesellschaft mehr als einen Gelehrten und Priester zählte und dass er die Anfänge der lateinischen Sprache in seinem Geburtsdorf von Kindesbeinen an lernte. [Numerabat inter affines consanguineosque litterators ac sacerdotes non paucos ; et ipse a prima aetate prima latinae linguae elementa eodem in loco caepit addiscere. (Bauters. Elogium Ptr. Lessii, febr. 1623)]. Vielleicht nahm er Unterricht bei einem seiner Verwandten oder bei einem der Priester, die in der Gemeinde wohnten.

Wie man das auch immer auslegte, in der Rechnung der Momboirs lesen wir diesen Posten: „voor een primam partem en een figeur, geg, 3 ½ st.“ Später finden wir noch einmal „voor een figure bet. 1 st.“ Prima pars und Figure waren die Namen von Büchern für Anfänger der Humaniora.

Lenaart blieb vier Jahre in der Dorfschule. Dass er in dieser Zeit seinen Lehrer zum Trost gereichte, daran gibt es keinen Zweifel. Der Junge lernte leicht und lernte gern. Bei Tisch hatte er immer ein Buch neben seinem Schneidebrett (seinem teljoor) liegen, um keinen einzigen Augenblick ungenutzt zu lassen, und abends, lange nachdem Leene schlafen gegangen war, fand man den Knaben noch über sein Buch gebeugt.

An den langen Winterabenden, wenn die Familie sich zum geselligen Plaudern um den Herd scharte, blieb unser Student fern dem Feuer in einer Ecke des Zimmers sitzen, um in seinem Lernen nicht gestört zu werden. Er bibberte vor Kälte, und nicht ohne Rührung sah man ihn seine halberfrorenen Hände an der Kerzenflamme wärmen. Vom Spielen hielt er nicht viel. Wurde er von Kameraden zum Spielen eingeladen, machte er mit. Denn menschenscheu war er nicht. Doch bald änderte sich das Spiel in eine Lektion. Denn durch sein fortgesetztes Lesen und Lernen erlangte der Junge allerlei Wissen, und er konnte die Dinge so klar und säuberlich darlegen, dass ihm alle gebannt zuhörten. Schon hier zeigte sich der Lehrer im Kind.

Was den Schullehrern aber mehr noch als sein Wissensdurst Respekt einflößte, war Lenaarts tiefe Gottesfurcht. Ganze Stunden verbrachte er ins Gebet versunken. Dabei war er stets so besonnen, so schamhaft in seinem Tun und Sprechen, dass man ihn auf seinen Spaziergängen „den kleinen Propheten“ nannte.

An schulfreien Tagen unterwies er gern jüngere Kinder, wie er sie auch lehrte, Gebete aufzusagen. Nach seinem Tod bezeugte eine alte Frau aus Brecht, sie habe während mehr als sechzig Jahren täglich die Gebete gelesen, die sie in ihrer Kindheit von dem kleinen Propheten gelernt hatte.

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