Leseprobe: Christmas Blues

Die Wahrheit über Weihnachten

Eben hob die große Glocke der St. Marienkirche ihr Geläut an. Quer durch die Kneipe, hinüber zur Theke, drang ihr tiefer, wabernder Schall, dorthin, wo Stefan nachdenklich den goldgelben Whisky in seinem Glas betrachtete. Seine Gedanken kreisten um seine Familie. Berenice würde jetzt die Lichterkette am Baum anschalten und Leonie und Lucas hereinrufen.
„Bereuen Sie es?“, fragte der Mann auf dem Hocker neben ihm.
Stefan sah ihn an und schüttelte den Kopf. „Nicht das mit Berenice“, sagte er. „Aber die Kleinen, die vermiss‘ ich.“
Er ließ seinen Blick in Richtung Fenster schweifen. Unter dem weichen Licht der Laterne schimmerte ein feiner Regen. Nur wenige Menschen huschten zu dieser Zeit noch durch die Stadt. Ab und zu warf der Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Fahrzeugs seinen Strahl gegen die regennasse Scheibe der Kneipe. In der Straßenschlucht zwischen den alten Backsteinbauten hallte der Lärm der Motoren nach. Hinter den Gardinen der Häuser schien das Licht heute Abend wärmer als sonst. Das sind die Kerzen, dachte er. Kerzen geben ein viel wärmeres Licht als Glühbirnen.
Die Vorstellung behagte ihm nicht, noch einmal raus in den Regen und in die leere Wohnung zurückkehren zu müssen. Er sah sich um. Nur wenige Gäste verbrachten diesen speziellen Abend hier, saßen schweigsam an einem der alten Holztische, gebeugt über einen Kaffee oder ein Glas Bier. Aus den Lautsprechern tönte leise Tom Waits‘ „Christmas card from a hooker in Minneapolis“.
„Soll ich Ihnen die Wahrheit sagen“, fragte sein Nachbar in die Stille hinein. „Die Wahrheit über Weihnachten?“
Stefan sah ihn müde an, ohne zu antworten.
„Weihnachten ist ein einziger großer Betrug“, fuhr der Fremde fort.
Ungewollt musste Stefan lachen. Er gab dem Wirt ein Handzeichen und bestellte ein neues Glas.
„Wussten Sie, dass schon die alten Babylonier am 25. Dezember gefeiert haben?“, fragte der Mann. Mit der rechten Hand hielt er sein Glas umklammernd, während die linke an irgendeinem Gegenstand in seiner Jackentasche herumfingerte. „Bereits mit Nimrod, kurz nach der Sintflut ging es los. Eine uralte Tradition.“
„Ich dachte immer, es hat mit der Wintersonnenwende zu tun“, antwortete Stefan gleichgültig. Die Überlegungen seines Sitznachbarn interessierten ihn nicht.
Eine Weile blieb es still im Raum. Draußen fiel der Regen nun stärker und prasselte heftig gegen die Scheiben.
„Sicher“, fuhr der Andere schließlich fort. „Die Römer feierten ihre Saturnalien, die Ägypter die Geburt ihres Totengottes Osiris, die Babylonier die Nimrods. Immer am 25. Immer mit dem Solstitium.“
Stefan zuckte die Achseln. „Ist doch egal. Niemand weiß, wann Jesus wirklich geboren wurde. Die Sonnenwende ist ein Symbol.“
Solstitium. Er betrachtete sein Gegenüber und überlegte einen Moment, ob er dem Mann eins aufs Maul hauen solle. Oder stattdessen nach seinem Beruf fragen. Aber was sollte er mit diesem Wissen anfangen? So schwieg er.
Der Andere geriet in Fahrt. „Verstehen Sie nicht? Die Kirche kam gegen dieses heidnische Fest nicht an, das viel zu tief mit den Bräuchen der Bevölkerung verwurzelt war, um es abzuschaffen. So erklärten sie feierlich: Unser Heiland ist just an diesem Tag geboren. Sie haben dem Kult eine christliche Bedeutung aufgepfropft und so umfunktioniert. Und wir triefen an diesem Tag regelmäßig vor Sentimentalität.“
Stefan stellte sich vor, wie Leonie und Lucas im Wohnzimmer auf dem blauen Shaggy-Teppich saßen, den Berenice und er vor zwei Jahren gekauft hatten. Er versuchte, sich in sie hineinzuversetzen. Würden sie an ihn denken? Oder waren sie ganz von den Überraschungen eingenommen, die unter dem Baum für sie bereitlagen?
Er dachte zurück an seine Kindheit. An das Warten vor der Bescherung, während es draußen allmählich dunkel wurde. An das warme Leuchten unzähliger Kerzen durch das Mattglasfenster der Wohnzimmertür.
Damals war er überzeugt, die Engel hätten die Lichter am Baum angezündet und der Weihnachtsmann die Geschenke aus seinem Sack geholt und abgelegt. Stefan glaubte nicht, dass Berenice Leonie und Luca diesen Zauber der Heiligen Nacht vermitteln konnte. Und morgen, wenn er die beiden besuchen durfte, wäre es zu spät dafür.
„Überhaupt dieser ganze Konsum“, riss ihn sein Nachbar aus den Gedanken. Fast schien es, als habe er die Hand in seiner Jackentasche zur Faust geballt, als er fortfuhr: „Dabei waren die Geschenke, die die Weisen zur Krippe brachten, nur ein Missverständnis. Es hieß, ein neuer König sei geboren worden. Damals war es eben üblich, den Herrschenden Präsente darzubringen, um sie zu besänftigen. Auf die Idee, sich gegenseitig aus lauter Freude zu beschenken, ist niemand gekommen.“
Das Gesicht des Mannes verfinsterte sich zusehends, während er weiterredete. „Aber wenn ich in den Wochen vor Weihnachten nicht jeden von Julias Blicken auf die Auslagen der Geschäfte nach einem Hinweis absuche, was sie unter dem Baum haben will, dann bekomme ich Probleme. Richtige Probleme.“
Stefan leerte sein Glas. Nachdenklich starrte er auf die Sammlung verschiedener Whiskysorten, die im Spiegelregal aufgereiht standen, sah Fragmente seines Gesichts hinter den Flaschen. (…)

Ende der Leseprobe.

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Kobo: https://www.kobo.com/de/de/ebook/christmas-blues-2
Weltbild: https://www.weltbild.de/artikel/ebook/christmas-blues_22375586-1?rd=1
buecher.de: https://www.buecher.de/go/products_products/detail/isbn/9783741868894/
Hugendubel: https://www.hugendubel.de/de/ebook/norbert_krueger-christmas_blues-28129458-produkt-details.html

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