Donald Trump und die Nashörner

Eine Kleinstadt im Süden Frankreichs. Gegenüber der Kirche, auf der sonnenbeschienenen Seite des Kirchplatzes, hat ein Café geöffnet. An einigen der kleinen Bistrotische auf dem Bürgersteig sitzen bereits Gäste, rauchen, trinken ihren Espresso oder unterhalten sich mit ihren Nachbarn. Eine Katze kommt auf der Suche nach etwas zu fressen vorbei. Während sie das Kätzchen locken und kraulen, diskutieren zwei der anwesenden Männer über die Möglichkeiten des philosophischen Erkenntnisgewinns. Angeregt durch die Anwesenheit des vierbeinigen Gastes entwickelt einer der Caféhaus-Philosophen einen Syllogismus:

Alle Katzen sind sterblich.
Sokrates ist gestorben.
Also war Sokrates eine Katze.

Irgendwo in der Ferne läuft ein Nashorn über die Straße.

Der obige Syllogismus ist offensichtlich Unsinn und soll vor allem zeigen, dass in Zeiten des um sich greifenden Patriotismus die klare Beweisführung nur allzu leicht auf der Strecke bleibt. Im Jahr 1957 befand sich Frankreich mitten im Algerienkrieg. Das ganze Land berauschte sich an einer von den Medien gesteuerten Nationaleuphorie. Und Eugène Ionesco veröffentlichte seine Erzählung „Die Nashörner“.

Dass ich ausgerechnet heute an Ionesco denken muss, liegt nicht so sehr am Plot und an den Parallelen zu unserer Gesellschaft, in der sich immer mehr Menschen in Trampeltiere zu verwandeln scheinen, die statt mit Vernunft mit roher Gewalt ihre Ziele zu erreichen suchen, sondern am gezielt verdrehten Syllogismus, den ich oben zitiert habe.

Einen ähnlichen geistigen Kurzschluss entdeckte ich nämlich heute früh beim morgendlichen Zeitunglesen. Fabriziert hat ihn vor ein paar Tagen Donald Trump bei seiner Wahlkampfrede zum Independence Day 2020 in Washington D.C.: „Wenn sie mich verleumden, verleumden sie auch das amerikanische Volk und seine Helden, die ihr Leben für Amerika gegeben haben. Sie verleumden Leute, die viel mutiger als sie selbst sind.“ (s. FR, 05.07.2020)

Dabei geht es mir gar nicht so sehr darum, dass Trump nicht gerade Heldenmut an den Tag legte, als er Ende Juni vor den Demonstranten am Lafayette-Platz in den Bunker des Weißen Hauses flüchtete (s. BZ, 01.06.2020). Oder dass er sich seinerzeit erfolgreich vor einem Einsatz in Vietnam drückte und so keine Gelegenheit hatte, als Held sein Leben für Amerika zu geben.

Die ganze Reihung ist so offensichtlich logisch falsch, dass ich mich frage, warum ihm so viele Menschen nach diesen Sätzen zujubelten. Genauso wenig, wie Sokrates eine Katze ist, nur weil er starb, ist Trump das ganze amerikanische Volk und schon gar nicht, nur weil er Teil des Volkes ist, automatisch ein Held.

Trump dreht die Idee des Syllogismus – vom Allgemeinen zum Besonderen – einfach um: Vom Einzelfall, nämlich sich selbst, verallgemeinert er, noch dazu in mehreren Stufen. Das ist ungefähr so, als würden wir aus der Tatsache, dass der Bernhardiner Sennenhund vier Beine hat, schließen, dass er eine Katze sei, eben weil alle Katzen vier Beine haben. Oder dass er einen ganz hervorragenden Tisch abgebe – aus denselben Gründen.

Das Perfide ist, dass Trump mit seinem logischen Fehlschluss einen ganz anderen Sachverhalt impliziert: jede Kritik an seiner Person verunglimpfe den nationalen Stolz und spucke auf diejenigen, die als Helden ihr Leben für das Land gegeben haben.

Auch das ist offensichtlich Unsinn. Aber es ist ein weiterer Stein im Versuch Trumps, das Land zu spalten. Kritiker werden zu Volksverrätern abgestempelt, Kritik damit ethisch in Frage gestellt. Und die Menge der Zuhörer lässt sich von dieser billigen, von jeder Logik befreiten Rhetorik animieren, ihn frenetisch zu beklatschen. Weil sie irgendwie das Gefühl haben, auf der richtigen Seite zu stehen, bei den Guten, den Patrioten.

Womit wir wieder bei Eugène und seinen Nashörnern angekommen wären. Vor unser aller Augen geschieht das Unfassbare. Aber wir haben den Hang, nicht zu sehen, was wir lieber nicht sehen und in seiner Konsequenz ausmalen wollen. Weil wir uns sonst zwischen Verantwortung und Mitläufertum entscheiden müssten. In seiner Geschichte verwandeln sich immer mehr Menschen in Nashörner. Es ist ein Virus, der um sich greift. Und schließlich ist es nur ein einziger Mann, der dem Virus widersteht, weil er sich als einziger seiner Verantwortung bewusst ist und nicht zum Mitläufer wird.

Wenn Ionesco mitten in die Zeit des Algerienkriegs hinein von der Verantwortung des Einzelnen spricht, sich gegen den ganzen Wahnsinn zu stellen, so hat das an seiner Aktualität nichts verloren. Donald Trump ist gerade dabei, die Demokratie in Amerika Stück für Stück auszuhöhlen und Kritiker mundtot zu machen. Es gilt, sehr genau hinzusehen, wenn wir nicht auch als Nashörner enden wollen.

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