Warum zum Teufel sollte ein Mann über Vergewaltigung schreiben?

Im Sommer 2020 hatte ich das Vergnügen, zwei Wochen lang einen Intensivkurs beim English Language Institute in Hamburg zu besuchen. Am Ende des Kurses sollte jeder Teilnehmer eine kurze Präsentation halten. Leider erfuhren wir davon erst sehr kurzfristig, so dass wenig Zeit zur Vorbereitung blieb. Trotzdem hatte ich mir in den Kopf gesetzt, die Präsentation nicht abzulesen, sondern frei zu halten. Nun ja, ähm … Hier jedenfalls mein deutsches Manuskript, ein früher Entwurf (wenn man das bei der kurzen Vorbereitungszeit überhaupt sagen kann), auf dem die englischsprachige Präsentation aufbaute. Vielleicht hilft es ja dem ein oder anderen zu verstehen, warum ich den Roman „Das Ende der Leichtigkeit“ überhaupt schrieb.

Wenn jede vierte Frau in ihrem Leben Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen macht, müssen irgendwo die Männer herumlaufen, die dafür verantwortlich sind. Es ist also genauso ein Männerthema wie ein Frauenthema.
Die andere Seite: wenn jede vierte Frau sexuelle Gewalt erlebt: Wissen wir wirklich, was wir tun können, wenn dies eine Freundin oder Bekannte von uns durchlebt? Wie lange dauert es, bis sie so eine Erfahrung verarbeitet hat? Gibt es ein normales Leben nach der Tat? Was können wir überhaupt tun? Ich habe versucht, diese Fragen für mich in einem Roman zu beantworten, dem „Ende der Leichtigkeit“.
Nach der Neuveröffentlichung vom „Ende der Leichtigkeit“ ging ich mit dem Buch auf Lesetour. Oft habe ich erlebt, dass gerade Männer die Pause in der Mitte der Lesung nutzen, um nach Hause zu gehen. Sie hatten wahrscheinlich einen Thriller erwartet, vielleicht eine saftige Vergewaltigungsstory, und waren dementsprechend enttäuscht, dass ich für meinen Roman einen anderen Ansatz gewählt hatte.
Im „Ende der Leichtigkeit“ geht es um die langsame Annäherung zweier Menschen, um das, was sich psychologisch zwischen ihnen abspielt und um die Frage, wie eine Vergewaltigung einen Menschen verändert.
Eines Abends kam nach der Lesung eine junge Frau zu mir. Sie erzählte mir, sie arbeitete in einem benachbarten Frauenhaus, also mit Frauen, die aus ihrem Zuhause geflüchtet waren, um der Gewalt durch einen Mann zu entkommen. Als Feedback zu meinem Buch sagte sie, das Einzige, was sie an diesem Roman wirklich störe, sei, dass ein Mann es geschrieben hat. Es sei lange überfällig gewesen. Aber es ärgerte sie, dass keine Frau sich an diesem Thema versucht hat.
Nun, dieser Roman spiegelt den Informationsstand der 80er Jahre wieder. Ich habe im Anhang des Buches die Literatur aufgelistet, die ich beim Schreiben benutzt habe. Der neueste Titel stammte von 1987. Seither hat sich eine Menge getan und heute sind Bücher über alle Teilaspekte sexueller Übergriffe verfügbar, angefangen von Erfahrungsberichten von Frauen, die versuchen, die Tat zu verarbeiten, bis hin zu anschaulichen Berichten über die Erfahrungen mit der Polizei und dem Rechtssystem.
Als ich Anfang der Achtziger das erste Mal bewusst mit einer Überlebenden sprach, war das noch anders. Die junge Frau, nennen wir sie der Einfachheit halber Meike, hatte drei Jahre nach der Tat beschlossen, es sei gut für sie, mit jemanden über diese Erfahrung zu reden. Sie lud mich zu sich ein, mit den Worten, sie wolle gern mit mir reden. Ich ging an dem Abend zu ihrer Wohnung, klingelte. Nichts passierte. Zuerst dachte ich, ich hätte mich im Datum geirrt. Aber dann hörte ich, dass sich in der Wohnung etwas bewegte und klingelte erneut. Wieder hörte ich Geräusche hinter der Tür. In meinem Kopf spielten sich abstruse Szenen ab. Konnte es sein, dass sie hilflos am Boden lag, unfähig zur Tür zu kommen? Ich überlegte noch, wie ich mit der Situation umgehen sollte, da öffnete sich die Tür und Meike stand verlegen lächelnd vor mir.
Ich brauchte nicht lange, um zu begreifen, dass sie total betrunken war. Wir saßen zusammen am Küchentisch und sie versuchte, einen möglichst normalen Eindruck zu machen. Zu diesem Zweck hatte sie sich eine Kiwi geholt, die sie nun während unseres Gesprächs zu essen versuchte. Sie kämpfte sich mit einem Löffel durch die Schale. Innerhalb einer Viertelstunde war der gesamte Tisch voller Fruchtfleisch. Für mich war das wie eine Metapher, um zu verstehen, wie es in ihr drin aussah. Sie versuchte, über ihr Leben die Kontrolle zu behalten. Aber letztlich saß sie in einem großen Haufen Matsch fest, und alles, was ich tun konnte, war zuzuhören und Mitgefühl zu zeigen.
Das ist ziemlich genau die Ausgangssituation meines Romans „Das Ende der Leichtigkeit“: Der Filmkritiker Stefan lernt eine Studentin namens Suzanne kennen, die beiden kommen sich näher, und irgendwann beschließt Suzanne, Stefan von ihrer Vergewaltigung während eines Urlaubs auf Korfu zu erzählen.
Und ähnlich wie Meike reagierte auch Suzanne im Buch: Sie ist davon überzeugt, ihren Teil an Ehrlichkeit getan zu haben. Sie will nicht weiter darüber reden, will die Erinnerung wieder verdrängen und so tun, als habe es mit ihrem aktuellen Leben nicht viel zu tun.
An meiner statt schickte ich meinen Protagonisten auf eine Reise. Denn dieses neue Wissen um ihre Vergangenheit warf mehr Fragen als Antworten auf. Warum zum Teufel vergewaltigen Männer überhaupt? Stefan macht sich auf die Suche nach dem Vergewaltiger. Nicht, um Selbstjustiz zu üben, sondern um den Täter mit dem zu konfrontieren, was er Suzanne angetan hat.
Das Problem ist, dass sich Schwarz-Weiß-Schablonen selten auf Menschen anwenden lassen. Stefan ist zunächst von dem auf Korfu lebenden Künstler Bertrand völlig beeindruckt und es dauert relativ lange, bis er die Mechanismen und Lebenslügen begreift, mit denen Bertrand einen Schutzwall um sich aufbaut.
Um es kurz zu machen: Ich habe inzwischen begriffen, dass es keine einfachen Antworten auf die Frage nach dem Warum gibt. Weder kann es einen Standardumgang mit Überlebenden geben, weil jeder Mensch seinen eigenen Background hat, eigene Bedürfnisse und eigene Mechanismen, die Vergewaltigung zu verarbeiten.
So hat Meike beschlossen, mit Männern möglichst wenig zu tun zu haben. Sie hat eine Freundin gefunden, der sie vertraute und lebt nun bereits seit vielen Jahren mit einer anderen Frau zusammen. Wir haben noch gelegentlich Kontakt, aber er ist sehr oberflächlich geworden.
Und auch die Gründe, warum Männer vergewaltigen, scheinen mir so vielfältig zu sein, wie es eben Menschen gibt. Ich habe im Roman versucht, zwei völlig verschiedene Ausgangspunkte für eine Vergewaltigung einander gegenüber zu stellen. Aber das ist nur ein kleiner Teil der Wirklichkeit.
Ein Freund von mir, ein bekennender Maskulinist, sagte mir nach der Lektüre des Romans, er habe sich von der scheinbaren Leichtigkeit der Erzählweise einfangen lassen. Er hätte überhaupt keine Lust gehabt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, hätte dann aber nicht anders gekonnt, weil das Buch eben in ihm nachwirkte. Das war ungefähr das, was ich mit der Veröffentlichung erreichen wollte.
Falls ihr Lust bekommen habt, den Roman selber zu lesen: Das eBook ist noch immer über Amazon erhältlich. Und falls jemand Interesse an der Hardcover-Version hat, kann er sich gern an mich wenden – oder eben in den einschlägigen Online-Antiquariaten ein wenig stöbern.

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